Stuttgart Financial im Interview mit Dr. Désirée-Jessica Pély über "Behavioral Finance & Economics"

18. August 2020

"Wenn man keine Angst vor Veränderungen hat, sprich seine „Komfortzone“ verlässt, dann werden nicht nur bessere Entscheidungen getroffen, sondern oftmals auch Glückshormone freigesetzt, was sogar ein Homo Oeconomicus als positiv bepreisen würde."

- Dr. Désirée-Jessica Pély

Hallo Jessi, danke, dass Du Dir die Zeit für ein Interview mit uns genommen hast. Dein Terminkalender ist bestimmt gut gefüllt, denn neben deiner Forschungstätigkeit hast du ja nun auch ein eigenes Startup gegründet.

Du beschäftigst Dich in Deiner Forschung mit dem Thema Behavioral Finance. Kannst Du uns vielleicht kurz erklären, was das bedeutet und worum es da genau geht?

Behavioral Finance oder auch Behavioral Economics ist ein Forschungsansatz, der in den 70er mit Kahnemann und Tversky seine Wurzeln fand. Hierbei wird die gängige Annahme aus der traditionellen Finanzwelt, dass es einen „Homo Oeconomicus“, einen Entscheidungsträger, der immer rational handelt, gibt, gelockert. „Behavioral“ besagt lediglich, dass wir die Psychologie der Menschen bei ihren Entscheidungen, welche gewissen kognitiven Einschränkungen unterliegen, mitberücksichtigen. Im Gegensatz zum Homo Oeconomicus kennen viele Entscheider nicht immer ihre Präferenzen bzw. stellen nicht immer die „richtigen“ Annahmen auf. Verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse, beispielsweise aus der Psychologie oder Soziologie, können dabei helfen, das Verhalten von Entscheidungsträgern, welches durch Inkonsistenzen oder Irrationalitäten geprägt ist, zu verstehen und im geforderten Fall sogar zu verbessern. Das letztere wird unter dem Begriff „Nudging“ (deutsch: Stupsen) zusammengefasst. Erst kürzlich, im Jahr 2017, hat Richard Thaler seinen Nobelpreis dafür bekommen.

Zusätzlich zu Deiner Arbeit an der LMU hast Du nun auch noch das Startup „Lemin“ gegründet, wie hängt das mit deiner Forschungstätigkeit zusammen? Lässt sich das überhaupt verbinden?

Ja und Nein. Grundsätzlich geht es in meinem Startup weniger um Finanzen aber vielmehr darum, das menschliche Verhalten zu verstehen und zu verbessern, insbesondere im Unternehmenskontext. Beispielsweise haben wir gesehen, dass Menschen, vor allem Mitarbeiter im Unternehmensumfeld, viele Verhaltensaversionen bzw. Ängste innehaben und einen gewissen Status Quo an den Tag legen. Was wir mit unserem Startup machen möchten, ist die Veränderungsbereitschaft losgelöst von Veränderungsaversionen in Unternehmen zu fördern und Entscheidungen in Teams zu verbessern. Wir wollen Unternehmen bei ihren Veränderungsprozessen unterstützen und setzen hierbei an der Psychologie der einzelnen Menschen in ihrem sozialen Kontext an. Wir versuchen ihre Präferenzen zu verstehen und ihr Wissen zu erhöhen, um ihr Verhalten, abgestimmt zu anderen Teammitgliedern, hin zu einer positiven Unternehmenskultur zu „nudgen“.

Behavioral Change ist das Buzzword, was verbirgt sich denn hinter dem Begriff Behavioral Change?

Dies lässt sich alles auf die deskriptive Theorie zurückführen, dass Menschen nicht immer rationale Entscheidungen basierend auf ihrem potentiellen Wissen und Präferenzen treffen. Somit unterliegen ihre Entscheidungen oft gewissen Verhaltensverzerrungen, welche unseren kognitiven Einschränkungen bzw. Emotionen und Intuitionen unterliegen und uns zum Fehlverhalten verleiten. Oftmals sind diese Verhaltensmuster tief in uns Menschen verankert, was geändert werden muss, wenn einem in irgendeiner Form schadet. Genau das ist Behavioral Change: das beobachtete, teils suboptimale Verhalten, zu verbessern. Dies kann entweder aktiv geschehen, indem man das Fehlverhalten dem Entscheider aufzeigt und ihm das fehlende Wissen vermittelt oder passiv, indem man den Entscheider nachhaltig mit kleinen Schritten zur besseren Entscheidung „nudged“.

Warum ist Change Management so wichtig für den Erfolg eines Unternehmens?

Veränderungen sind permanente Begleiter in Unternehmen. Megatrends wie Demographischer Wandel, Globalisierung und Digitalisierung haben die Geschwindigkeit und den Umfang von Veränderungen im Unternehmen signifikant erhöht. Unternehmen reagieren und investieren in verschiedenste Lösungen wie Beratung und Coaching, um den Anforderungen in einem dynamischen Unternehmensumfeld gerecht zu werden. Dennoch scheitern laut Harvard-Ökonom Kotter 70% der Veränderungsinitiativen am menschlichen Verhalten und insbesondere am Widerstand der Mitarbeiter gegen derartige Veränderungen. Die Folge davon ist dann oftmals das Zurückfallen in alte Muster. Genau das führt dazu, dass die Unternehmen in einem sich schnell ändernden Umfeld nicht effizient und wettbewerbsfähig agieren können und somit ihrem Erfolg schaden. Das möchten wir mit Lemin ändern.

Glaubst Du die momentane Situation mit der Corona-Pandemie hat einen Einfluss auf die Veränderungsprozesse innerhalb der Unternehmen?

Ehrlich gesagt bin ich hier keine Expertin. Ich habe aber versucht, mir ein eigenes Bild zu machen, indem ich viel darüber gelesen habe. Meine Beobachtung bzw. persönliche Meinung ist folgende: Unternehmen mussten schnell handeln, und zwar notgedrungen. Es wurden schnell Rahmenbedingungen geschaffen, dass Mitarbeiter sofort ins Homeoffice geschickt werden konnten, obwohl viele Betriebsräte zuvor dem sehr kritisch gegenüberstanden. Zu klärende Themen gab es viele: Datenschutz, Arbeitsbedingungen etc. Diese Themen sind noch immer ungeklärt, aber nichtsdestotrotz zeigen viele Umfragen, dass Unternehmen das Homeoffice zukünftig fördern möchten. Insgesamt wurde schnell auf eine Veränderung reagiert, was sehr positiv ist. Allerdings denke ich persönlich nicht, dass dies vollständig in den Prozessen der Unternehmen verankert wurde. Dies muss nachgeholt werden, um auf zukünftige Veränderungen, welche nicht immer der gleichen Natur sein werden, bewusst und durchdacht reagieren zu können.

Was glaubst Du, ist die größte Herausforderung in Bezug auf Behavioral Change?

Das Problem ist ganz einfach: man muss Menschen und ihr damit verbundenes Verhalten im sozialen Kontext verstehen, um es ändern zu können. Hierfür benötigt man Experten, wie Coaches und Psychologen, die auf Führungsebene bereits oft eingesetzt werden. Die Führungsebene macht allerdings nur 4-10 % der Belegschaft aus. Um Unternehmen „fit“ für Veränderungen zu machen, müssen alle Mitarbeiter miteinbezogen werden, was zu sehr hohen Kosten führt. Deshalb sind Führungskräfte oftmals Coaches oder Psychologen, was aber schwierig ist, denn diese sind meist keine Experten auf dem Gebiet. Umso komplizierter ist es, wenn Führungskräfte selbst gewissen Verhaltensverzerrungen unterliegen und bspw. oft „intuitiv“ bzw. „affektiv“ handeln. Genau da muss als erstes angesetzt werden: Unternehmensentscheidungen dürfen nicht nur dem „Bauchgefühl“ unterliegen. Das funktioniert nur, wenn der Entscheider ein sehr gutes „Bauchgefühl“ hat, welches nicht von den alleinigen Präferenzen bzw. dem eigenen Opportunismus unterliegt. Und das ist selten der Fall.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – wie schafft man es, die Veränderung als Mehrwert darzustellen?

Der Mensch ist tatsächlich ein Gewohnheitstier und genau da muss angesetzt werden. Aber Veränderungen herbeizuführen passiert nicht von heute auf morgen. Man wird natürlich erstmal auf Widerstand stoßen. Die Veränderungsaversion von Menschen unterliegt oft Ängsten. Menschen wollen aber grundsätzlich keine Angst haben, d.h. der Mehrwert liegt alleine schon darin, dass man diese Ängste erkennt und sich von ihnen löst.

Grundsätzlich sind aber zwei Dinge besonders wichtig:

1) Informationen zur Verfügung stellen, um besseres Urteil und damit besseres Verhalten zu ermöglichen. Dies ist wichtig, denn der Mensch möchte verstehen was und warum er etwas tut.

2) Basierend auf den Informationen gewisse Entscheidungsoptionen erstellen. Es ist sehr schwer die eigenen Präferenzen und damit verbunden Konsequenzen für 1000 verschiedene Entscheidungsmöglichkeiten zu verstehen und gegenübereinander abzuwägen. Wenn man diese vielen Alternativen auf nur wenige runterbricht, schafft es der Mensch, seine Präferenzen und damit verbundenen Entscheidungen besser einzuschätzen, was zu einem bewussteren und weniger affektiven Verhalten führt.

Und wenn man keine Angst vor Veränderungen hat, sprich seine „Komfortzone“ verlässt, dann werden nicht nur bessere Entscheidungen getroffen, sondern oftmals auch Glückshormone freigesetzt, was sogar ein Homo Oeconomicus positiv „bepreisen“ würde.

Welchen Rat würdest Du anderen jungen Menschen mit auf den Weg geben, die auch gerne gründen möchten, sich aber möglicherweise nicht trauen oder zu viel Angst davor haben, diesen Schritt zu gehen?

Die erste und wichtigste Frage ist: hast du eine Vision und wenn ja, was genau ist deine Motivation: was genau möchtest du bewegen?

Wenn man das verstanden hat, sich aber immer noch nicht traut, ist die Antwort eigentlich ganz einfach:

Erstens, das Team: suche dir Partner, die sich trauen, die dich ergänzen, die dir die Angst nehmen, die dich und deine Entscheidungen tagtäglich hinterfragen.

Zweitens, gib Gas: nur, wenn du und dein Team einen gewissen „Drive“ habt und ihr für euer Start-Up alles gibt, wird es ein positives Momentum geben, was ausgenutzt werden muss, um zukünftig etwas Großes bewegen zu können.

 

 

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