Stiftungsvortrag |
"Stresstests, Niedrigzinsen und ungezügelte FinTechs - gefährdet die europäische Regulierung Sparkassen und Volksbanken?"

12. Oktober 2020

Stiftungsvortrag der Stiftung Kreditwirtschaft

Bettina Stark-Watzinger zum Thema "Stresstests, Niedrigzinsen und ungezügelte FinTechs - gefährdet die europäische Regulierung Sparkassen und Volksbanken?"

Am 12.10.2020 fand der zweite digitale Stiftungsvortrag der Stiftung Kreditwirtschaft statt. Zahlreiche interessierte Zuhörer haben sich im virtuellen Hörsaal eingefunden, um dem Vortrag zum Thema „Stresstests, Niedrigzinsen und ungezügelte FinTechs – gefährdet die europäische Regulierung Sparkassen und Volksbanken?“ zuzuhören. Für dieses Topic hat die Stiftung Kreditwirtschaft Frau Bettina Stark-Watzinger, Parlamentarische Geschäftsführerin der FDP-Bundestagsfraktion und ehemalige Vorsitzende des Finanzausschusses des Deutschen Bundestages, als Speakerin gewinnen können.

"Leidet die deutsche Kreditwirtschaft, insbesondere Sparkassen und Volksbanken, unter den europäischen Regulierungen?" mit dieser omnipräsenten Frage eröffnet Frau Stark-Watzinger den Vortrag. Ihre klar Antwort darauf: „Ja, das tun sie“.

Aber warum? Um diese Antwort zu belegen muss zunächst der Blick auf die Finanzkrise 2008 und die daraus resultierenden Änderungen in der Regulierung geworfen werden. 2008 wurden die grauen Theorien aus den Lehrbüchern Realität und das Vertrauen in die Finanzbranche ging verloren. Seither ist sowohl auf europäischer als auch nationaler Ebenen viel passiert, um die Vergangenheit zu bewältigen. Jedoch darf der Blick auf die Gegenwart und vor allem die Zukunft nicht verloren gehen.

Nach der Finanzkrise sind unter anderem Erfolge durch die Basel III Regulierung des Eigenkapitals zu verzeichnen. Sektorenübergreifend sind die Eigenkapitalquoten gestiegen, welche die Stabilität erhöht und den deutschen Bankensektor gefestigt haben. Auf den zweiten Blick sind allerdings auch die volkswirtschaftlichen Kosten gestiegen. Die Banken haben substanziell ihre riskanten Anlagen verlagert, indem sie Kreditvolumina zurückgeführt und ihre Wertpapierpositionen reduziert haben. Die freigewordene Liquidität wurde in eigene Staatsanleihen angelegt (Home Bias) und damit der Realwirtschaft entzogen. Es kam also dazu, dass alle großen europäischen Staaten ein Ungleichgewicht zu Gunsten der eigenen Staatsanleihen nachweisen. Ergo funktioniert die Risikoverteilung in Europa nicht und das nationale Denken wird gefördert. Als Resultat sieht Frau Stark-Watzinger, dass Europa sich auseinanderentwickelt, statt einheitlich zu agieren und dadurch stärker zu werden. Die Reaktionen der Regulierung und der Politik auf die Finanzkrise 2008 sind daher als eher mutlos zu bewerten.

Eine weitere bedeutende Rolle in der Krisenpolitik: die anhaltende Niedrigzinsphase. Zwar stemmen sich Regionalbanken einerseits selbstständig mit Wachstum und Kostensenkung gegen den Zinsverfall, parallel ist aber eine expansive Geld- und Zinspolitik ebenso notwendig. Die steigenden Kosten durch hohe Regulierungsanforderungen sind dabei aber auch nicht zu vernachlässigen. Aus diesem Grund betont Frau Stark-Watzinger wie wichtig es ist, die Regionalbanken nicht weiter zu belasten. Wenn wir die Diversität in unserem Bankensystem schätzen und weiterhin erhalten wollen, dann müssen wir etwas tun.

Regulierungen fördern außerdem erfahrungsgemäß Konzentrationsprozesse und die Gefahr besteht allgemein darin den Weg in Richtung „too big to fail“ einzuschlagen. Dabei ist das Konzept der Small Banking Box entscheidend. Die Regulierung sollte nicht für die großen Institute regulieren und Ausnahmen für kleine Banken schaffen, sondern die Regulierung vom Kopf auf die Füße stellen und als Benchmark für Regulierungsbemühungen kleine Institute nehmen. Für große Institute folgen dann spezielle Maßnahmen.

Der Blick in die Zukunft: Funktionierende Finanzmärkte sind notwendig, um weiterhin Wohlstand zu schaffen. Die Märkte müssen dafür ihre Aufgaben des Vermögensaufbaus, der Finanzierung von Innovationen und die Gewährleistung der Stabilität ihre Aufgaben Vermögen aufzubauen, Innovationen zu finanzieren und für Stabilität zu sorgen, erfüllen. Dabei ist die Digitalisierung, die zum Strukturwandel führt, ein wichtiger Schlüsselfaktor. Angesichts dieser Erkenntnis und der fortschreitenden Innovationen muss der deutsche Finanzplatz mehr Standortpolitik betreiben. Es gilt, gute Wettbewerbsbedingungen, welche die neuen Bürokratiekosten berücksichtigen, zu schaffen. Außerdem muss die spezifische Struktur des deutschen Bankensystems verstanden werden und zu guter Letzt gilt es, Proportionalität im Bankensystem, entsprechend der Größe der Bank, zu entwickeln. Wenn diese Anforderungen eines modernen und europäischen Finanzplatzes erfüllt sind, hat Deutschland das Potenzial zum führenden Finanzzentrum des europäischen Binnenmarkts zu werden. Natürlich sind auch gute Finanzdienstleister erforderlich. Damit sind nicht nur FinTechs, sondern auch ein insgesamt gut funktionierender digitaler Prozess gemeint. Außerdem dürfte die deutsche Regulierung nicht immer noch eins auf die ohnehin schon gründliche europäische Regulierung draufsetzen. Vereinfachung digitaler Prozesse und eine Senkung der Bürokratie sind der Schlüssel. Laut Frau Stark-Watzinger kann es nicht sein, dass manche deutsche Banken Umwege über ausländische Institute gehen, um bürokratische Prozesse zu umgehen. Die Nutzung der Blockchain und erste volldigitale Anleihen seien ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Um das Thema abzurunden, geht Frau Stark-Watzinger noch auf die europäische Einlagensicherung ein. Auf diese könnte man laut ihr verzichten. Es sei eher wichtig ein einheitliches Insolvenzrecht zu fördern. Das ultimative Ziel der gemeinsamen Finanzpolitik in der EU sollte nicht eine Bankenunion, sondern eine Kapitalmarktunion sein. Auch sollte das Prinzip des mündigen Bürgers nicht weiter untergraben werden. Der Staat und die europäische Union können nicht bei jedem Fehler eingreifen. Vielmehr sollte wieder auf die Eigenverantwortung von Bürgern und Akteuren auf den Finanzmärkten gesetzt werden. Nicht zuletzt ist die anhaltende Staatsverschuldung während des Niedrigzinsumfeldes ungesund und wird späteren Generationen noch große Probleme bereiten.

Um mit der Tradition trotz der virtuellen Umgebung nicht zu brechen, konnten im Anschluss an den Vortrag Fragen aus dem Publikum diskutiert werden. Welche Frage hätten Sie?

Ein Bericht von Dorontina Jashari, M.Sc. cand. & Marcel Gehrung, M.Sc.

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