Stiftungsvortrag | "Der Brexit und seine Effekte auf das Verhältnis zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich"

14. Juni 2021

Stiftungsvortrag der Stiftung Kreditwirtschaft

Wera Hobhouse zum Thema "Der Brexit und seine Effekte auf das Verhältnis zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich"

Seit letztem Jahr ist Großbritannien offiziell kein Mitglied der Europäischen Union mehr. Welche Folgen der Brexit für das Verhältnis und die Zusammenarbeit zwischen Großbritannien, Deutschland und der Europäischen Union hat, legt Wera Hobhouse in ihrem Gastvortrag an der Universität Hohenheim am 11.06.2021 dar. Sie ist für die Liberal Democrats Mitglied des britischen Unterhauses, kommt ursprünglich aber aus Deutschland. Es fanden sich zahlreiche interessierte Zuhörer im digitalen Hörsaal ein, um dem Vortrag zu folgen.

Der Austritt Großbritanniens aus der EU ist letztendlich, laut Hobhouse, unter der Leitung von Jeremy Corbyn, rechts gesteuert gewesen. Als Gründe für den Brexit führt sie die immer dagewesene Tendenz Großbritanniens zum außenwirtschaftlich wichtigsten Partner USA die Furcht vor Migration in der Bevölkerung, aber auch die Angst vor dem wirtschaftlich starken Deutschland an. Letzteres hat aus ihrer Sicht mit gekränktem Stolz der Briten zu tun und mit der Nostalgie der Vergangenheit, in welcher sich Großbritannien stets als wirtschaftlich stärkere Nation angesehen hat.

Eine Chance für die weitere Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und der EU sieht Hobhouse im Vorgehen gegen Menschenrechtsverletzungen. Aufgrund des weitestgehend gleichen Wertesystems von Großbritannien und Deutschland bzw. der EU, ist es wichtig, dass die Nationen gemeinsam gegen Menschenrechtsverletzungen und die Einmischung von diktatorischen Regimen vorgehen. Ein gemeinsamer Feind soll dabei zur Zusammenarbeit bewegen und man soll sich nicht von einem sinnlosen „Impfstoffkrieg“ aufhalten lassen.

Eines der größten Probleme für Großbritannien, aber auch für die EU, ist laut Hobhouse der Handel. Aktuell ist durch die Covid-19-Pandemie für Großbritannien noch nicht gänzlich transparent, welche Handelseinbußen auf die Pandemie zurückzuführen sind und welche mit dem Brexit korrelieren. Doch Frau Hobhouse ist sich sicher, dass ein großer Teil der aktuell schlechten wirtschaftlichen Lage Großbritanniens durchaus auf das Konto des Brexits gehen.

Im Bereich Klimapolitik hingegen sieht Frau Hobhouse weitere Chancen für die Zusammenarbeit. Großbritannien ist sich zwar seiner Verpflichtung gegenüber dem Klima bewusst, um die Klimaziele jedoch zu erreichen, bedarf es einer internationalen Zielsetzung und Umsetzung. Auch in Bezug auf Menschen und Kultur sieht Hobhouse gerade auch mithilfe von Partnerstädteverhältnissen und Schüler- oder Studentenaustauschen eine Möglichkeit, das „Gespenst des Brexits“ zu vertreiben.

Obwohl der politische Kurs Großbritanniens nicht für eine Annäherung zur EU spricht, sieht Hobhouse der Zukunft optimistisch entgegen. Die Beziehung zwischen Großbritannien und Deutschland hat laut Hobhouse aktuell ihren Tiefpunkt erreicht, sodass es in der Zukunft nur bergauf gehen kann.

Im Rahmen der Diskussionsrunde stellt Frau Hobhouse klar, dass der Brexit generell auch einen Zusammenbruch innerhalb Großbritanniens zur Folge haben kann. Vor allem die Bevölkerung in Schottland und Nordirland hat vermehrt gegen einen Brexit gestimmt. Sie hofft, dass sich ein Unabhängigkeitsvotum in Schottlands nicht wiederholt und dass es in Nordirland zu keinen größeren Unruhen im Hinblick auf die nicht ganz klare Grenzziehung gibt.

Im Zusammenhang mit finanzwirtschaftlichen Aspekten des Brexit ergänzt Prof. Burghof als Finanzexperte, dass bereits heute der Finanzplatz Amsterdam mehr Aktien handelt als der Finanzplatz London, was auch den Schaden im Finanzsektor deutlicher macht. Hobhouse erwartet auch, dass, wie in den 70er Jahren, Großbritannien zu einem niedrigeren Wohlstandsniveau zurückkehren wird und dies zum Umdenken bei den Briten führen kann. Der Wohlstand der Briten entwickelte sich auch durch die Mitgliedschaft in der EU und genau in diese könnten die Menschen dann zurückkehren wollen.

Die Veranstaltung schließt mit der Frage ab, welche drei Wünsche Frau Wera Hobhouse in Zukunft an die deutschen und britischen Bürger hat. Bei dieser Frage ist die Antwort der passionierten Klimapolitikerin klar. Die reichen Nationen müssen sich zusammentun und die Klimakrise in den Griff bekommen. Hierbei geht es um das Überleben der Menschheit, was daher oberste Priorität haben soll. Des Weiteren wünscht sich Frau Hobhouse auch in Zukunft ein funktionierendes Europa und auf lange Sicht die Wiederannährung Großbritanniens an die EU und letztendlich auch die erneute EU-Mitgliedschaft der Briten.

Ein Bericht von Justin Hupp, M. Sc. cand., Julia Juric, M.Sc.

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