Im Gespräch mit
Harald Brenner vom Privatbankhaus ELLWANGER & GEIGER

04. Mai 2021

Das Thema Nachhaltigkeit wird uns auch in diesem Jahr stetig begleiten und ist darüber hinaus Kernthematik unserer diesjährigen Finanzwoche 2021. In diesem Rahmen möchten wir beleuchten, wie sich die Finanzbranche aufstellen kann, um tatsächlich nachhaltiger zu werden und welche Potenziale es am Finanzplatz Stuttgart gibt. In unserer kleinen "Sustainability-Reihe" gehen wir mit Finanzplatzakteuren in den Austausch und lassen verschiedene Gesprächspartner zu Wort kommen.

In unserem fünften Interview treffen wir auf Harald Brenner. Herr Brenner ist gelernter Diplom-Ökonom und seit 2013 beim Privatbankhauses Ellwanger & Geiger als Leiter für die Bereiche Finanzen und Personal tätig. Seit 2018 ist er nunmehr Vorstandsmitglied und verantwortet zusätzlich die Bereiche Marktfolge und IT.

Vielen Dank Herr Brenner, dass Sie sich einen Moment Zeit für uns nehmen, um ein paar spannende Fragen im Rahmen unserer Finanzplatzstrategie zu beantworten.

„Sustainable Finance“ ist ein Begriff, der uns in der Finanzbranche seit ein paar Jahren immer stärker begleitet. Dies suggeriert, dass der Nachhaltigkeitsgedanke auch hier immer mehr an Bedeutung gewinnt. Welches sind Ihrer Meinung nach die deutlichsten Signale, dass auch in der Finanzbranche ein nachhaltiges Umdenken notwendig ist?

Es besteht ohne Zweifel ein enormer Handlungsdruck. Schätzungen der EU zeigen, dass jährliche Mittel in Höhe von ca. 180 Milliarden € benötigt werden, um den Zielen des Pariser Klimaabkommens gerecht zu werden. Auf europäischer Ebene stellt der EU-Aktionsplan die Grundlage für die Neuausrichtung der Wirtschaft dar und zielt zugleich darauf ab, Kapitalflüsse hin zu nachhaltigen Investitionen zu lenken, Nachhaltigkeitsrisiken umfassend zu berücksichtigen und die die Transparenz von Finanzprodukten hinsichtlich verbundener Nachhaltigkeitsrisiken zu steigern. Der Finanzbranche wird in diesem Zusammenhang also eine entscheidende Verantwortung zuteil.
 

Der Umweltschutz und die erfolgreiche Erreichung des Pariser Abkommens wird oft als globale Herausforderung angesehen. Dafür ist es jedoch notwendig, auf nationaler und regionaler Ebene zu handeln. Um das Pariser Klimaabkommen umzusetzen, muss der CO2-Ausstoß jährlich um 4 Prozent reduziert werden. Was trägt ihr Unternehmen dazu bei, dieses Ziel zu erreichen?

Wir werden die umfänglichen Anforderungen und Risiken in Bezug auf Nachhaltigkeit bei Ellwanger und Geiger proaktiv auf allen Ebenen unserer Geschäftstätigkeit erfassen und die einzelnen Handlungsfelder ableiten. Hierzu wurde auf Basis einer Vorstudie im Januar 2021 ein bankweites ESG-Projekt gestartet. Handlungsbedarf – vor allem aber auch Chancen sehen wir dabei insbesondere in den Bereichen Anlage und Produktportfolio, dem Kreditgeschäft, dem Risikomanagement sowie im Bereich der Unternehmensorganisation. Als übergeordnetes Cluster mit Grundsatzthemen wurden darüber hinaus die Bereiche IT, Marketing, Compliance und Recht  identifiziert. Im Rahmen dieses ganzheitlichen Ansatzes für alle Bereiche unserer Geschäftstätigkeit wurden konkrete Fristen, Verantwortlichkeiten und Prozesse mit laufendem Monitoring für jedes Handlungsfeld geschaffen.
 

Der European Green Deal soll neben den ökologischen, sozialen und ökonomischen Zielen für mehr europäische Transparenz und Standards sorgen. Welche regulatorischen Rahmenbedingungen müssten Ihrer Meinung nach gesetzt sein um Sie in Ihrer Arbeit besser zu unterstützen?

Um einen idealtypischen Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit zu ermöglichen, wäre es unter Berücksichtigung der regulatorischen Anforderungen wie auch eventuell marktseitiger Erwartungen hilfreich, ein eindeutige Definition des Nachhaltigkeitsbegriffes zu schaffen. Eine klare Einordnung dieses Begriffs im Rahmen der Taxonomie würde das Vorgehen vor allem auf der Anlageseite enorm erleichtern. Des Weiteren stellt aus unserer Sicht eine einheitliche und verfügbare ESG-Datenbasis einen zentralen Pfeiler für im EU-Aktionsplan geforderte Maßnahmen, wie Offenlegung, Transparenz und Klassifizierung von Produkten dar.
 

„Financing Sustainable Transformation” ist das diesjährige Motto der Finanzwoche. In welchem Bereich sehen Sie große Potenziale wie die nachhaltige Transformation unserer Gesellschaft, Politik und Wirtschaft finanziert werden kann? Welche Kernkompetenzen bringt Ihr Haus dafür mit?

Die Hauptklientel unseres Privatbankhauses besteht aus vermögenden Privatkunden. Die Beziehung zu unserer Kundschaft basiert auf persönlichem Vertrauen und Unabhängigkeit. Dies erlaubt es uns, transparent und offen mit unseren Kunden zu kommunizieren. Ein zentrales Ziel des EU-Aktionsplans besteht darin, dass private Kapitalströme in nachhaltige Investitionen gelenkt werden. In diesem Zusammengang sehen wir vor allem im Anlage-, und Produktportfolio wesentliche Chancen und wollen daher unser Angebot an nachhaltigen Produkten konsequent ausbauen.
 

Die Covid-19 Pandemie stellt uns vor viele neue Herausforderungen, gleichzeitig aber auch Potentiale. Welche konkreten Chancen sehen Sie für die Entwicklung von sustainability und sustainable finance durch die Pandemie?

Generell stellen wir fest, dass das Thema Nachhaltigkeit deutliche Parallelen zur aktuellen Covid-19 Pandemie aufweist. Auch dieses Thema zwang unsere Bank zu massiven Veränderungsprozessen, mit maßgeblichem Einfluss auf unzählige Abläufe und Prozesse des Bankhauses. Das Management dieser besonderen Herausforderungen ist uns während der aktuell vorherrschenden Pandemie in vielerlei Hinsicht doch recht gut gelungen. In Bezug auf Nachhaltigkeit besteht die große Herausforderung darin, aufgrund der Vielzahl von Regularien, der uneinheitlichen Begriffsdefinition und des zeitlichen Horizonts, einen gezielten Umgang mit dem Thema zu finden. Wir sehen etwa noch starken Nachholbedarf in der Sensibilisierung unserer Kundschaft im Hinblick auf ESG. Auf der anderen Seite bietet sich für die Marktteilnehmer nun die Möglichkeit, entsprechende Schritte auf diesem Weg in Richtung Sustainable Finance selbst zu gestalten und voranzutreiben.
 

Als Finanzplatzinitiative möchten wir unsere lokalen Experten vernetzen, Synergien schaffen und das Thema gemeinsam voranbringen. Wo sehen Sie den Finanzplatz in fünf Jahren? Und welchen Beitrag Ihres Unternehmens sehen Sie dafür?

Der Finanzplatz Stuttgart zeichnet sich durch seine Stabilität und die Diversität der Akteure aus. Mit den Banken, Versicherungen, Bausparkassen sowie der Börse ist er innerhalb Baden-Württembergs ein Innovationstreiber für Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung. Hier sind sehr viele positive Synergieeffekte möglich, die aus der Zusammenarbeit und dem regelmäßigen Austausch aller Akteure resultieren. Das Ziel ist die strategische Kooperation in diversen Bereichen zu fördern und Zukunftsthemen gemeinsam anzugehen.  Wir sehen große Chancen, dass sich der Finanzplatz Stuttgart in den kommenden Jahren als einer der führenden Finanzplätze Deutschlands im Bereich Sustainability & Sustainable Finance positioniert.

 

Vielen Dank für das Interview Herr Brenner!
 

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