Im Gespräch mit
Edith Weymayr von der L-Bank

15. Juni 2021

Das Thema Nachhaltigkeit wird uns auch in diesem Jahr stetig begleiten und war darüber hinaus Kernthematik unserer diesjährigen Finanzwoche 2021. In diesem Rahmen möchten wir beleuchten, wie sich die Finanzbranche aufstellen kann, um tatsächlich nachhaltiger zu werden und welche Potenziale es am Finanzplatz Stuttgart gibt. In unserer kleinen "Sustainability-Reihe" gehen wir mit Finanzplatzakteuren in den Austausch und lassen verschiedene Gesprächspartner zu Wort kommen.

Wir freuen uns, in unserem achten Interview mit Frau Edith Weymayr von der L-Bank in den Austausch zu gehen. Frau Weymayr ist seit dem 01. Januar 2020 Vorsitzende des Vorstands der L-Bank und leitet den Geschäftsbereich mit den Schwerpunkten Unternehmenskommunikation und Strategie, Personal, Finanzhilfen, Kreditanalyse und Kreditbetreuung. Zudem sind ihr die Funktionen Revision, Compliance und Organisation unterstellt.

Vielen Dank Frau Weymayr, dass Sie sich einen Moment Zeit für uns nehmen, um ein paar spannende Fragen im Rahmen unserer Finanzplatzstrategie zu beantworten.

„Sustainable Finance“ ist ein Begriff, der uns in der Finanzbranche seit ein paar Jahren immer stärker begleitet. Dies suggeriert, dass der Nachhaltigkeitsgedanke auch hier immer mehr an Bedeutung gewinnt. Welches sind Ihrer Meinung nach die deutlichsten Signale, dass auch in der Finanzbranche ein nachhaltiges Umdenken notwendig ist?

Das Jahr 2020 hat den Rekord für das wärmste Jahr eingestellt. Das letzte Jahrzehnt war das wärmste seit Start der Messungen. Da ist es offensichtlich, dass Handlungsbedarf gegeben ist. Gleichzeitig haben wir mit der Corona-Pandemie eine weitere dramatische Herausforderung für die gesamte Menschheit. In der Radikalität ihrer Bekämpfung ist sie vielleicht aber auch eine Blaupause für das Handeln in Hinblick auf die Klimakrise. Der nachhaltige Strukturwandel hin zu einer emissionsarmen, ressourcenschonenden und sozial inklusiven Wirtschaft ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Eine Herausforderung für jeden Einzelnen, jede Gesellschaft und die ganze Menschheit. Die Finanzwirtschaft kann Teil der Lösung sein, weil sie per se eine Intermediärsfunktion hat. Sie ist Transmissionsriemen für den Austausch von Werten und Risiken. Damit ist sie prädestiniert, ein Hebel für Lösungsansätze auch im Klimaschutz zu sein. Als Förderbank des Landes Baden-Württemberg ist Nachhaltigkeit in unserer DNA verankert. Unser Handeln – die Erfüllung unseres öffentlichen Auftrags – ist auf die nachhaltige Entwicklung Baden-Württembergs ausgerichtet.

Der Umweltschutz und die erfolgreiche Erreichung des Pariser Abkommens wird oft als globale Herausforderung angesehen. Dafür ist es jedoch notwendig, auf nationaler und regionaler Ebene zu handeln. Um das Pariser Klimaabkommen umzusetzen, muss der CO2-Ausstoß jährlich um 4 Prozent reduziert werden. Was trägt ihr Unternehmen dazu bei, dieses Ziel zu erreichen?

Als Förderbank sind wir uns in besonderem Maße den Herausforderungen bewusst, die es in den nächsten Jahren sowohl gesellschaftlich als auch ökologisch zu meistern gilt. Die L-Bank verfügt im Rahmen ihres Nachhaltigkeitsmanagements seit 2016 über ein nach EMAS validiertes Umweltmanagementsystem. Die dadurch implementierten Strukturen sind eine Grundlage für den systematischen Umwelt- und Klimaschutz, den wir als öffentliches Unternehmen leben. Darüber hinaus hat die L-Bank letztes Jahr eine Klimaschutzvereinbarung mit dem Land geschlossen und ist Teil des Klimabündnisses BW geworden. Damit bekräftigen wir unser Bekenntnis zum Klimaschutz und setzen uns mit der Klimaneutralität unseres Geschäftsbetriebes ein herausforderndes Ziel.

Der European Green Deal soll neben den ökologischen, sozialen und ökonomischen Zielen für mehr europäische Transparenz und Standards sorgen. Welche regulatorischen Rahmenbedingungen müssten Ihrer Meinung nach gesetzt sein, um Sie in Ihrer Arbeit besser zu unterstützen?

Regulatorik ganz allgemein ist immer eine Antwort auf Marktversagen, also auf die Unvollkommenheit der Märkte; das gilt auch und insbesondere für die Beziehung von Finanzmärkten und Nachhaltigkeit. Die Sustainable-Finance-Regulatorik versucht nun, Kosten, die aktuell auf die Allgemeinheit abgewälzt werden, dem Verursacher zuzuordnen. Regulation muss für die Akteure aber auch umsetzbar sein, damit eine solche Internalisierung der Kosten gelingt und gegebenenfalls zugrundeliegende Informationsasymmetrien abgebaut werden können. Im Sustainable-Finance-Kontext benötigen wir praxistaugliche Regelwerke – weniger ist manchmal mehr – und vor allem eine solide Datenbasis. Nur so können zukünftig verstärkt ökologische, soziale und Aspekte der Unternehmensführung – ESG-Kriterien – bei Investitionsentscheidungen berücksichtigt werden. Neben der Finanzwirtschaft sind hier Politik, Realwirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft als Akteure gefragt. Es kann keine Transformation der Finanzwirtschaft geben, wenn es keine Transformation der Realwirtschaft gibt.

„Financing Sustainable Transformation” ist das diesjährige Motto der Finanzwoche. In welchem Bereich sehen Sie große Potenziale, wie die nachhaltige Transformation unserer Gesellschaft, Politik und Wirtschaft finanziert werden kann? Welche Kernkompetenzen bringt Ihr Haus dafür mit?

Als Förderbank liegt unsere Kernkompetenz darin, eine anschiebende Finanzierung von Unternehmen und Vorhaben durch Einbindung unserer Förderprodukte zu erreichen. Mit volumenstarken Finanzierungsprogrammen setzen wir im Auftrag des Landes gezielte Investitionsanreize für mehr Energieeffizienz, umweltgerechtes Sanieren oder auch für die Nutzung erneuerbarer Energien. Durch die Förderung von Start-ups, Existenzgründungen, Selbstständigen und kleinen Unternehmen schaffen wir den Nährboden für Neues und Innovatives – für die Zukunft unseres Landes. In der kommenden Zeit wird es sicherlich darum gehen müssen, Nachhaltigkeitskriterien systematisch in all unseren Förderprogrammen zu verankern.

Die Covid-19-Pandemie stellt uns vor viele neue Herausforderungen, gleichzeitig aber auch Potenziale. Welche konkreten Chancen sehen Sie für die Entwicklung von "Sustainability" und "Sustainable Finance" durch die Pandemie?

Das größte Potenzial sehe ich in der Bewusstseinsveränderung. Wir werden uns bewusst, dass nicht alles möglich ist, dass wir an Grenzen stoßen. Nicht nur das soziale Miteinander ist gefährdet. Unser Handeln und der enorme Ressourcenverbrauch bringen die Ökosysteme aus dem Gleichgewicht und gefährden damit unsere Lebensgrundlage - vor allem die der jungen und künftigen Generationen. Hier gilt es anzusetzen und Lösungen zu finden. Ein nachhaltiger Strukturwandel kann nur erreicht werden, wenn Umwelt, Klima, Wirtschaft und Gesellschaft als untrennbares Ganzes betrachtet werden. Nur dann können wir langfristig eine nachhaltige Entwicklung erreichen.

Als Finanzplatzinitiative möchten wir unsere lokalen Experten vernetzen, Synergien schaffen und das Thema gemeinsam voranbringen. Wo sehen Sie den Finanzplatz in fünf Jahren? Und welchen Beitrag Ihres Unternehmens sehen Sie dafür?

Ich sehe den Finanzplatz weiter in seiner Kernkompetenz gefragt und dadurch gestärkt: Es ging in Baden-Württemberg schon immer darum, starke, innovative, wandelfähige Unternehmen mit dem Know-how der Finanzwirtschaft für Transformationsfragen und entsprechende Finanzierungen zusammenzubringen. Diese Kernkompetenz ist durch den Strukturwandel stärker gefragt denn je. Hier wollen wir als Förderbank des Landes ansetzen und unseren Eigentümer – die Landesregierung – kraftvoll, verlässlich und kompetent unterstützen, indem wir einen nachhaltigen Strukturwandel durch entsprechende Förderangebote begleiten.

 

Vielen Dank für das Interview Frau Weymayr!
 

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