Im Gespräch mit
Prof. Dr. Christian Klein über Sustainable Finance

28. Februar 2021

In diesem Interview sprechen wir mit Prof. Dr. Christian Klein über das Thema "Sustainable Finance" und gehen dabei auf Aspekte wie ESG/SDG, Greenwashing und die zukünftige Rolle von Startups in Bezug auf Sustainabilitythemen ein. Christian Klein ist Professor für Sustainable Finance an der Universität Kassel und bundesweit einer der Vorreiter auf dem Themengebiet „Nachhaltige Finanzwirtschaft“. Bereits vor sieben Jahren, als das Thema Nachhaltigkeit im Finanzwesen noch ein kaum beachtetes Nischen-Dasein führte, stand dieses heute so aktuelle Thema bei Christian Klein ganz oben auf der Agenda. In seiner Forschungsarbeit beschäftigt Christian Klein sich unter anderem mit der Messung des Beitrags, den nachhaltige Anlageprodukte zur Erreichung der Sustainable Development Goals leisten können und der zugrundliegenden Motivation von Investoren mit nachhaltigem Ansatz. Weiterhin ist er in mehreren wissenschaftlichen Beiräten verschiedener Sustainable-Finance-Organisationen.

Hallo Herr Klein,

vielen Dank, dass Sie sich Zeit für ein Interview mit uns genommen haben. Wir freuen uns, heute mit Ihnen in einen kleinen Austausch zum Thema "Sustainable Finance" zu kommen. Legen wir direkt mit der ersten Frage los, die wir an Sie richten möchten.

 

Man kommt an dem Begriff ESG kaum mehr vorbei. Aber was genau ist Sustainable Finance und welche weiteren Dimensionen hat es?

Wenn bei Investitionen neben den üblichen Faktoren wie Rendite, Risiko oder Liquidität noch weitere Aspekte berücksichtigt werden, die mit Nachhaltigkeit in Zusammenhang stehen, dann spricht man von Sustainable Finance. ESG ist die Abkürzung für „Ecological-Social-Governance“ und steht für die drei üblichen Bereiche, mit denen Nachhaltigkeit in Zusammenhang gebracht wird: Umwelt, Soziale Fragen und gute Unternehmensführung. Ein anderer Ansatz, der immer mehr im Kommen ist, ist Investition an Zielen auszurichten. Anstatt, dass man darauf achtet, keinen Schaden anzurichten, versucht man also, bestimmte Ziele zu verfolgen. Hier werden meistens die SDGs, die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, als Basis genommen. Das sind 17 Ziele, die bis 2030 erreicht werden sollen und zu einer nachhaltigeren Welt führen würden.

 

Ist Sustainable Finance eine regulatorische Notwendigkeit oder gibt es auch betriebswirtschaftliche Gründe für dieses Thema?

Das ist eine sehr gute Frage! Ich fürchte, dass es ohne Regulatorik nicht geht. Wir werden den Klimawandel nicht begrenzen können, wenn wir nicht bestimmte Maßnahmen treffen und auch durchsetzen. Und das kann wohl nur Regulatorik, mit Appell an den gesunden Menschenverstand funktioniert das offensichtlich leider nicht. Aber das Spannende ist: Wenn der Gesetzgeber plant, die Regulatorik zu ändern, bereits dann wird es ein betriebswirtschaftliches Thema. Dann reden wir von Risikomanagement, nicht mehr von „Welt retten“. Ein Beispiel: Wenn wir wirklich den Klimawandel begrenzen wollen, werden viele Branchen ein Problem bekommen, da dann deren Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren. Das einfachste Beispiel hier sind Ölfirmen. Das bedeutet aber, dass die Aktien solcher Unternehmen mit einem gigantischen Risiko verbunden sind, welches offensichtlich noch nicht eingepreist ist.

 

Wie positioniert sich der Wirtschaftsstandort Deutschland/Baden-Württemberg zu dem Thema? Gibt es andere Nationen von denen wir lernen können?

Deutschland und die Bundesländer geben hier gerade mächtig Gas. Das ist gut so, denn es gibt viel aufzuholen: Andere Länder, wie Frankreich oder die Schweiz, sind uns hier in vielen Punkten weit voraus. Umso wichtiger sind die vielen sehr guten Initiativen und Projekte, die gerade überall gestartet werden.

 

Fragt man Anleger, ob sie nachhaltig investieren wollen, wird dies von der Mehrheit bejaht. Die tatsächlich abgeschlossenen Verträge mit ESG-Bezug halten sich jedoch stark in Grenzen. Woran liegt das?

Das ist der sogenannte Attitude-Behavior-Gap: Wir kennen das Phänomen gut aus unserer Forschung. Alle finden das Thema toll und wichtig, keiner macht es. Bei Finanzanlagen ist es laut unseren Untersuchungen so, dass der Kunde erwartet, dass ihm aktiv solche Anlagen angeboten und erklärt werden. Das findet heute noch nicht wirklich statt.

 

In Krisen zeigt sich die wahre Relevanz eines Themas: Während der Coronakrise geht es primär darum die Wirtschaft anzukurbeln. Klimaschutz und andere verwandte Themen treten in den Hintergrund. Bleibt das Thema Sustainable Finance aufgrund der aktuellen Coronakrise auf der Strecke?

Mein persönlicher Eindruck ist, dass dies nicht der Fall ist, im Gegenteil: Wir befinden uns momentan am Scheideweg: Viele wünschen sich einen Wiederaufbau unserer Wirtschaft, unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten. Und das macht aus meiner Sicht absolut Sinn: Eine Begrenzung des Klimawandels wird sehr teuer und wir müssen unsere Wirtschaft komplett umbauen. Wenn wir das jetzt nicht machen – wann dann? Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Und Geschäftsmodelle, die in einer CO2-neutralen Welt nicht überlebensfähig sind, mit Steuergeldern künstlich am Leben zu erhalten, schafft aus meiner Sicht die Basis für die nächste große Krise.

 

Gibt es eine Thematik im Zusammenhang mit Sustainable Finance, das die Marktteilnehmer noch nicht „auf dem Schirm“ haben, aber zukünftig relevant wird?

Die Themen „Artenschutz“ und „Kreislaufwirtschaft“ sind mit Sicherheit Themen, die großen Einfluss auf unsere Wirtschaft haben können. Und wenn die EU-Kommission Ernst macht und diese Bereiche angeht, werden wir interessante Reaktionen auf den Kapitalmärkten sehen.

 

Welche Chancen sehen Sie bei diesem Thema an den Finanzplätzen?

Einige Themen, wie das Thema Klimawandel, werden kommen, andere Themen wie Kreislaufwirtschaft kommen vielleicht. All diese Themen werden zu großen Verschiebungen der Finanzströme führen. Wer sich hier früh positioniert, kann von der Entwicklung profitieren. Und die Welt retten wir auch noch dabei, ist das nicht schön?

 

Eine große Kritik an Nachhaltigkeitsaktivitäten ist oft, dass von den Unternehmen Greenwashing betrieben wird. Was muss sich ändern, dass diese Kritik ausgeräumt wird?

Wir müssen Nachhaltigkeit messbar machen. Wir müssen mehr in Richtung „Wirkung“ sehen: Was bewirkt eine Maßnahme wirklich? Und das müssen wir objektiv messen. Wir forschen hier gerade an Konzepten.

 

Welche Rolle werden Start-ups bei der Weiterentwicklung von Sustainable Finance-Themen spielen?

Wieder eine sehr gute Frage. Meine Meinung: Eine sehr große. Wenn wir darüber nachdenken, welche Investitionen die größte „Wirkung“ haben können, dann landen wir irgendwann auch bei Start-Ups. Junge Unternehmen mit guten Ideen, die für deren Umsetzung Risikokapital benötigen.

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