Im Gespräch mit
Bernd Hertweck zum Thema ARGE und Nachhaltigkeit

16. März 2021

Das Thema Nachhaltigkeit wird uns auch in diesem Jahr stetig begleiten. Es handelt sich längst nicht mehr um ein Trendthema und auch die Finanzwelt ist gefragt, in Sachen Sustainability nachzuziehen. Wie sich die Finanzbranche aufstellen kann, um tatsächlich nachhaltiger zu werden und welche Potenziale es am Finanzplatz Stuttgart gibt, möchten wir gerne in einer kleinen „Sustainability-Reihe“ näher betrachten. Wir gehen mit Finanzplatzakteuren in den Austausch und lassen verschiedene Gesprächspartner zu Wort kommen.

Das zweite Interview in unserer Reihe haben wir mit  Bernd Hertweck geführt. Anfang 2021 hat er turnusgemäß den Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft Baden-Württembergischer Bausparkassen (ARGE) übernommen. Der gelernte Bankkaufmann, der seit über 30 Jahren in der Branche tätig ist, ist Vorstandsvorsitzender der Wüstenrot Bausparkasse AG, der ältesten deutschen Bausparkasse.

Lieber Herr Hertweck,

vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben. Im Namen des Finanzplatzes Stuttgart möchten wir Ihnen natürlich herzlich zu Ihrer neuen Position als Vorsitzender der ARGE gratulieren. Für das neue Jahr stehen gewiss viele spannende und herausfordernde Themen an.

 

Rückblickend brachte kaum ein Jahr so viele Herausforderungen mit sich wie das Jahr 2020. Welche Erkenntnisse haben Sie aus diesem turbulenten Jahr gezogen und welche Key-Takeaways möchten Sie in das neue Jahr 2021 mitnehmen und umsetzen?

In der Tat, das letzte Jahr war ganz Besonders. Die Pandemie hat einerseits die Menschen als auch Unternehmen verunsichert und zu Einschränkungen und wirtschaftlichen Belastungen geführt, andererseits auch Entwicklungen ermöglicht und beschleunigt, die ich vor einem Jahr noch nicht für möglich gehalten hätte. Die Arbeit im Homeoffice, Homeschooling, die Art und Weise wie wir miteinander kommunizieren hat die Arbeitswelt und unser Leben geprägt und verändert.

In diesem Kontext hat das Thema Wohnen an Bedeutung gewonnen. Die Menschen verbringen mehr Zeit zu Hause, einerseits erzwungen durch die Schließungsmaßnahmen, andererseits fühlen sie sich dort sicher und geborgen. Und das lässt sich insbesondere auch unter Qualitätsgesichtspunkten in den eigenen vier Wänden eben besser realisieren. Eine repräsentative Umfrage aus unserem Haus zeigt, dass ein Fünftel der Mieter seit Corona verstärkt über Wohneigentum nachdenken und insbesondere auch Standorte im weiteren Umland von Ballungszentren in der Gunst gewinnen.

Zu diesen Ergebnissen passt, dass sich der Immobilienmarkt sehr robust entwickelt hat. Die Nachfrage ist nach wie vor sehr hoch. Die Preise sind weiter gestiegen, ebenfalls die Zahl der Baugenehmigungen. Mittlerweile sind die Leerstandreserven in den Wachstumsregionen aufgebraucht. Auch beobachten wir, dass Immobilieneigentümer verstärkt in den Werterhalt ihrer Immobilie investieren, in Modernisierungen und energetische Sanierungen.

Wir konnten unser Neugeschäft in der Baufinanzierung gegenüber dem Vorjahr weiter steigern. Insofern sind wir als Unternehmen, die die Wohnwünsche ihrer Kunden erfüllen, sehr gut positioniert.

 

Viele Unternehmen stehen aktuell vor neuen strategischen Entscheidungen. Welche Fokusthemen möchten Sie gemeinsam mit den Bausparkassen der ARGE in diesem Jahr weiter voranbringen?

Neben der Überwindung der Auswirkungen der Pandemie gehört das Thema Wohnen zu den wichtigsten sozialen Themen unserer Zeit. Die Schaffung von mehr Wohnraum, die Erhöhung der Wohneigentumsquote zur Vermögensbildung und Altersvorsorge breiter Bevölkerungsschichten liegen uns am Herzen. Wir werden durch Impulse, Arbeitspapiere und Studien zur Lösungsfindung beitragen. Unseren Dialog mit der Landesregierung, den Abgeordneten im Landtag und interessierten Verbänden setzen wir fort.

Ein Fokus unserer Arbeit wird darin liegen, die Energiewende im Gebäudebestand voranzubringen. Wir dürfen nicht vergessen: Zwei Drittel der in Deutschland im Gebäudesektor verbrauchten Endenergie entfällt auf Wohngebäude, sie wird überwiegend fürs Heizen und Warmwasser benötigt. Und 80 Prozent des Wohngebäudebestandes sind in privater Hand. Ohne das Engagement der Immobilienbesitzer und die Aktvierung privaten Kapitals wird die Energiewende nicht gelingen können. 

 

Die Präsenz des Themas Nachhaltigkeit ist im letzten Jahr vermehrt an zweite Stelle gerückt. Mit der Finanzwoche 2021 möchten wir dem Thema „Financing Sustainable Transformation“ jedoch eine Bühne geben. Wir freuen uns, die ARGE erneut mit der Bausparkassen-Lounge als Partner dabei zu haben. Dürfen Sie uns schon verraten, was uns erwartet?

Das Thema „Financing Sustainable Transformation“ halten wir für sehr relevant, es wird weiter an Bedeutung gewinnen. Als Referent für unsere Veranstaltungen konnten wir Dr. Ralph Henger vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln gewinnen. Er wird zum Thema „Nur eine Richtung – aber viele Wege! Potentiale der Energiewende im Gebäudesektor für Sustainable Finance“ referieren.

Denn noch immer ist es so, dass zu wenig in unseren Gebäudebestand investiert wird, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Das liegt an den regulatorischen Rahmenbedingungen für Eigentümer und Investoren, die sich zwar zuletzt mit höheren Fördersätzen und der Einführung der CO2-Bepreisung verändert haben, jedoch immer noch nicht so ausgestaltet sind, um die Klimaschutzziele im Gebäudesektor zu erreichen. Wenngleich: Bereits im Jahr 2020 sind die Antragszahlen in den einschlägigen Förderprogrammen von KfW und BAFA nach oben geschnellt, was uns schon ein Stück weit optimistisch stimmt.

In seinem Vortrag zeigt Dr. Henger, wie viele Investitionen erforderlich sind, um langfristig einen klimaneutralen Gebäudebestand zu erreichen und welcher Rahmenbedingungen es bedarf, damit die Marktakteure die Energiewende als Chance begreifen und mehr Effizienzmaßnahmen im Sinne eines Sustainable Finance anstoßen.

 

Wie sehen Sie die Zukunft der Bausparkassen im Hinblick auf grüne Finanzierung und Transformation?

Bereits heute motivieren wir unsere Kunden und unterstützen sie bei ihrer persönlichen Energiewende. Dafür stellen wir Informationen bereit, stellen Online-Rechner zur Verfügung, arbeiten mit Energieberatern zusammen und vermitteln Förderdarlehen. Rund zwei Drittel der Bausparmittel werden bereits für Modernisierungen und energetische Sanierungen eingesetzt.

Insofern sind wir bereits mittendrin im Geschehen und haben mehr als einen Startvorteil. Aber wir wissen auch, dass die Sanierungsquote weiter steigen muss, damit wir das ambitionierte Ziel eines nahezu klimaneutralen Wohngebäudebestands bis 2050 erreichen. Hierfür werden wir unsere Anstrengungen bei der Unterstützung unserer Millionen Kunden weiter intensivieren.

Auch unternehmensintern werden Strategien entwickelt, damit wir nachhaltiger werden, die an den ESG-Kriterien ausgerichtet sind.

 

In ihrem Positionspapier zur Landtagswahl in Baden-Württemberg am 14. März 2021 hat sich die ARGE wie folgt positioniert: „Bausparkassen öffnen Türen bei der Umsetzung der Energie- und Klimawende“. Welchen konkreten Vorteil sehen Sie im Bereich der Nachhaltigkeit, den Bausparkassen gegenüber anderen Finanzinstituten haben?

Unser Vorteil ist die Kernkompetenz, die wir aufgrund unseres Geschäftsmodells haben. Wir sind spezialisiert auf das kleinvolumigere Geschäft, für das wir besondere Produkte und Prozesse haben. Im Sinne eines Versorgungsauftrags halten wir es für wichtig, unseren Kundinnen und Kunden Hilfestellungen beim Werterhalt ihrer Immobilie und dazu notwendigen Modernisierungs- und Sanierungsmaßnahmen zu geben. Unsere Kunden vertrauen uns, wir nehmen unsere Aufgabe sehr ernst.

 

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen. Wir freuen uns, mit Ihnen an der Finanzwoche 2022 hoffentlich wieder in den persönlichen Austausch treten zu können und dann auch über bereits vermerkte Erfolge der ARGE sprechen zu können.

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