#Meinung | EIN DEUTSCH-FRANZÖSISCHER VERGLEICH - UNIVERSALBANKEN UND IHR GESCHÄFT IN FRANKREICH

04. Juli 2019

Ein Kommentar zum Stifungsvortrag am 16. Mai 2019

EIN KOMMENTAR VON DR. JULIUS TENNERT, PROJEKTMANAGER STARTUP-FINANZIERUNG STUTTGART FINANCIAL

Frank Schönherr unterstreicht in seinem Vortrag eindrücklich, dass sich der französische Bankkunde und damit die französische Bankenkultur grundsätzlich von der deutschen unterscheidet. Insbesondere mit Hinblick auf die Filialdichte, die in Frankreich immer noch doppelt so hoch ist wie in Deutschland.

Bei genauerer Betrachtung unterscheiden sich der deutsche und der französische Bankkunde in seiner Nutzungspräferenz mobiler Angebote aber nicht wesentlich. Bei einer repräsentativen Umfrage der Fédération Bancaire Française gaben 48% der Befragten an, bevorzugt Onlinebanking zu nutzen. In einer vergleichbaren Umfrage des Bundesverbandes deutscher Banken gaben 50 % der Befragten diese Präferenz an. Divergierende Nutzerpräferenzen scheinen nicht der maßgebliche Grund für die intensivere Filialnutzung unserer Nachbarn zu sein.

Die Lösung des Paradoxons mag möglicherweise im Vertrauensverhältnis zwischen Kunde und Bank liegen. Während in Frankreich 82% der Bankkunden angeben, ihrer Bank zu vertrauen, geben dies in Deutschland lediglich 58% der Befragten an. Es scheint durchaus nachvollziehbar, dass der Kunde den Bankberater bei mangelndem Vertrauen nicht persönlich aufsucht. Wer den persönlichen Kontakt meidet, bevorzugt die anonymisierte und standardisierte Abwicklung über Direktbanken, die inzwischen teilweise nicht einmal mehr eine Kundenhotline betreiben, sondern die Kommunikation mit dem Kunden nur noch über mit künstlicher Intelligenz gefütterte Chatbots abwickeln.

Der Aufstieg der Finanztechnologien in Deutschland kann also unweigerlich auch mit dem Vertrauensverlust deutscher Kunden in die etablierten Institute in Verbindung gebracht werden. Wie lange dieses Vertrauen in die neuen Institute anhält, nachdem die vielversprechendste deutsche Smartphone-Bank vermehrt ins Visier der BAFIN gerät und sich IT-Probleme bei Direktbanken mehren, die über Stunden keinen Zugriff auf das Ersparte erlauben, bleibt abzuwarten.

Sicher ist, einen Weg zurück in die alte Bankenwelt darf es auch bei unklarer Regulierung und technischen Hürden nicht geben. Keine Veränderung kommt ohne Unsicherheit. Auch Thomas Edisson benötigte mehrere tausend Versuche bis die Glühbirne verlässlich brannte. Trotzdem sind wir froh, heute Abend nicht beim Lichtschein einer Öllampe unsere E-mails auf dem Smartphone checken zu müssen. Was wir in der Finanzbranche brauchen, sind starke Partnerschaften zwischen neuen und etablierten Spielern. So können wir gemeinsam Unsicherheiten reduzieren und Stärken bündeln. Als Finanzplatzinitiative ist es unsere inhärente Aufgabe, diese Partnerschaften zu unterstützen und zu ermöglichen.

EIN DEUTSCH-FRANZÖSISCHER VERGLEICH - UNIVERSALBANKEN UND IHR GESCHÄFT IN FRANKREICH

EIN VORTRAG VON FRANK SCHÖNHERR, GROUP SENIOR COUNTRY OFFICER GERMANY DER CRÉDIT AGRICOLE S.A.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Stiftungsvortrag“ referierte Frank Schönherr, Group Senior Country Officer Germany der Crédit Agricole S.A., am 16. Mai 2019 über die deutsch-französische Zusammenarbeit auf den Finanzmärkten und deren Differenzierung. Wir fassen für Sie die wichtigsten Aussagen zusammen.

Schönherr verglich zunächst die größten europäischen Banken miteinander. Die Crédit Agricole S.A. sei hierbei aufgrund der Struktur, des Marktanteils und der Orientierung auf den heimischen Markt mit den deutschen Volks- und Raiffeisenbanken zu vergleichen.

Neben den Parallelen verwies der Referent vor allem auf die Unterschiede zwischen den Märkten. Das deutsche Bankensystem rühme sich mit seiner Drei-Säulen-Struktur aus privaten Geschäftsbanken, öffentlich-rechtlichen Kreditinstituten und Genossenschaftsbanken und dem sehr dezentralen, international etablierten Bankwesen, das von steter Konsolidierung bedroht sei. Im Vergleich sei das französische Bankensystem noch verbreiteter und weise rund 36 Bankfilialen pro 100.000 Einwohner auf – dies seien doppelt so viele wie in Deutschland. Des Weiteren gäbe es wesentliche Unterschiede im Gewinnpotential der Märkte. So würden die Crédit Agricole S.A. und ihre Mitbewerber einen Return On Equity von bis zu 6-8 Prozent verzeichnen. Deutsche Finanzinstitute müssten hingegen mit immer kleiner werdenden Margen umgehen. Die Erträge pro Filiale seien in Frankreich durchschnittlich um ein Drittel höher, so verwundere es nicht, dass hier weitaus weniger Geschäftsstellen schließen. Der Ertrag pro Retailkunde sei wiederum – Privatbanken ausgenommen – in Deutschland höher. So würden die Volks- und Raiffeisenbanken mit starkem Fokus auf das Retail Banking höhere Gewinne als die Crédit Agricole S.A. vorweisen. Finanzinstitute wie die Deutsche Bank AG und die Commerzbank AG lägen aber beispielsweise hinter der BNP Paribas und der Sociéte Générale zurück. Schönherr stellte sich der Frage, wie eine solche Differenz in zwei sich ähnelnden Märkten entsteht. Der Referent sieht in den kulturellen Unterschieden und einer höheren Verschuldung der französischen Privathaushalte den Grund dafür. Auch sei im französischen Markt das Konstrukt der Direktbank bisher nicht etabliert – Schönherr sieht hier das größte Wachstumspotential. Zuletzt erläuterte der Referent, dass der französische Markt sich in der Höhe der gelisteten Firmenanteile differenziere. Die Crédit Agricole S.A. verzeichne bis zu 49% an öffentlich gelisteten Firmenanteilen, die deutschen Volks- und Raiffeisenbanken und Sparkassen besäßen bis heute keine.

Im Anschluss lud der Referent das Publikum dazu ein, mit ihm in Diskussion zu treten. Vor allem die kulturellen Unterschiede auf den Finanzmärkten, die Gewinnpotentiale auf dem französischen Markt und mögliche Akquisition-Szenarien waren Gegenstand des Gesprächs.

ÜBER DIE VERANSTALTUNGSREIHE STIFTUNGSVORTRAG

Die Stiftung Kreditwirtschaft veranstaltet regelmäßig mit Unterstützung von Stuttgart Financial an der Universität Hohenheim Fachvorträge, bei denen hochrangige Vertreter aus Wirtschaft und Politik ihre Sicht zu aktuellen und grundlegenden finanzwirtschaftlichen Themen äußern.

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