Wie die Digitalisierung die Versicherungsbranche verändert | Ein Kommentar

29. Juli 2019

Das 12. Versicherungsforum am 21. Mai 2019 beschäftigte sich mit der Frage, wie die Digitalisierung die Versicherungsbranche verändert.

Wie die Digitalisierung die Versicherungsbranche verändert

Ein Vortrag von Dr. Stefan M. Knoll, Vorstandvorsitzender der Deutschen Familienversicherung AG

Im Rahmen des 12. Versicherungsforums am 21. Mai 2019 referierte Dr. Stefan M. Knoll, Vorstandvorsitzender der Deutschen Familienversicherung AG, in seinem Vortrag „Wie die Digitalisierung die Versicherungsbranche verändert“ über die Zukunft der Assekuranz.

Wir fassen für Sie die wichtigsten Aussagen des Vortrages zusammen.

Laut Knoll gibt es keine natürlichen Begrenzungen in der Digitalisierung, da die Treiber der Wunsch nach Bequemlichkeit, Individualisierung und die Spezialisierung auf Anbieterseite sind. Die Digitalisierung sei die Übersetzung analoger Lebenswirklichkeiten in Binärcodes. Folglich stehe die Versicherungsgesellschaft vor der Herausforderung, alle Prozesse und Aktivitäten dieser Entwicklung zu unterwerfen. Die Digitalisierung sei antizyklisch zu bewältigen: Die Wertschöpfungskette müsse von hinten betrachtet werden – so beginne die Digitalisierung beim Produkt selbst. Auf diese Weise beeinflusse sie die Bereiche Vertrieb, Betrieb und Schaden/Leitung. Der Referent beantwortete die Fragen, wie die Zukunft der Vermittler aussieht, wie Vertragsabwicklungen, Risikobewertungen und die Policierung ablaufen werden und ob die Schadensabwicklung mithilfe von künstlicher Intelligenz durchzuführen ist. Der Referent prognostizierte, dass es den Vermittler in seiner heutigen Form nicht mehr geben wird. Es blieben unabhängige Individualvermittler, die ihrerseits online vermitteln. Im betrieblichen Geschäft sei es möglich, die Risikoanalyse, die Vertragsannahme und die Policierung gänzlich automatisiert durch digitalisierte Prozesse durchzuführen. Der Referent sagte voraus, dass der Human Support in den nächsten drei Jahren völlig wegfallen wird. Die künstliche Intelligenz mache auch in der Schaden- und Leistungsregulierung eine Automatisierung möglich, die in zehn Jahren etwa 85% des vorhandenen Personals obsolet werden lasse.

Dr. Stefan M. Knoll sprach davon, dass vor allem einfache, verständliche Produkte und smarte Prozesse – zusammengefasst durch leistungsstarke IT-Systeme – die Zukunft der Assekuranz bestimmen werden. Die gesamte Nutzeroberfläche, die Kundenkommunikation und die Policensteuerung müsse zentral kontrolliert werden.

Ein Kommentar von Dr. Marc Mehlhorn, Leiter Stuttgart Financial

Eines ist klar: Versicherungen werden immer digitaler, weil die Kunden das fordern. Und diese Kunden warten nicht, bis „ihre“ Versicherung endlich digitalisiert ist. Wenn es andere Anbieter besser machen, werden sich Kunden rasch diesen Anbietern zuwenden. Die Marktanteile können sich so deutlich verschieben und in den Vorstandsetagen muss mehr denn je darauf geachtet werden, dass man den Anschluss nicht verpasst. Erfreulich ist, dass es heute kaum mehr eine Versicherung gibt, bei der keine digitalen Helfer in der Wertschöpfungskette eine Rolle spielen. Insbesondere mit Blick auf den Finanzplatz Stuttgart punktet die W&W mit dem Produkt Adam Riese und die Allianz Leben will mit einer digitalen Finanzplattform die Kundenkontaktpunkte komplett umkrempeln.

Andere Versicherungen stehen da im Moment sicherlich vor deutlich größeren Hürden. Denn Digitalisierung ist nicht gleich Digitalisierung. Stephen Voss hat in einem jüngst in der WELT erschienenen Beitrag die Varianten „make or buy“ aus Versicherungsperspektive diskutiert und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass die Suche nach dem richtigen Weg eine knifflige Aufgabe ist. So birgt die behutsame Implementierung über Projektschritte die Gefahr, dass man zu langsam ist. Plant man hingegen die umfassende Lösung und die totale Transformation besteht die Gefahr, dass es die Organisation personell und finanziell überlastet.

Die wichtigste Ressource für erfolgreiche digitale Aktivitäten haben die Versicherer jedoch bereits schon heute an Board: Die eigenen Mitarbeiter. Organisatorisch muss daher sichergestellt werden, dass kluge Ideen auch Einzug in Entscheidungsgremien finden. Eine Studie hat nämlich herausgefunden, dass diejenigen Unternehmen im Zuge der Digitalisierung mehr Erfolg haben, bei welchen die Fachabteilungen dezentral neue Geschäftsmodelle und Prototypen entwickeln und sich ausprobieren dürfen. Der hierfür notwendige Change-Prozess ist aus der Chefetage heraus zu treiben, hier fehlt jedoch teilweise der nötige Antrieb und Mut. Für den Finanzplatz Stuttgart und dessen Zukunftsfähigkeit fordere ich daher ein, dass die Zielvereinbarungen mit den Führungskräften der Versicherer Meilensteine zur Digitalisierung enthalten und damit eine Incentivierung auf dieses Zukunftsthema stattfindet.

Über die Veranstaltungsreihe

Trends erkennen und das Netzwerk der Versicherungsbranche durch Austausch stärken - mit diesem Ziel veranstaltet Stuttgart Financial regelmäßig gemeinsam mit der Deutschen Bundesbank und der Deutschen Familienversicherung AG das Versicherungsforum am Finanzplatz Stuttgart. Die Veranstaltung ist für alle Mitarbeiter der Versicherungsbranche und interessiertes Fachpublikum.

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