Warum Startups an die Börse gehören | Ein Kommentar

29. August 2019

Unser Kollege Dr. Julius Tennert ist anderer Meinung als Gründerszene-Chefredakteur Alex Hofmann. Lesen Sie hier warum.

Warum Startups an die Börse gehören. Dr. Julius Tennert kommentiert.

Erst vor wenigen Wochen positionierte sich Gründerszene-Chefredakteur Alex Hofmann gegen den Börsengang junger Tech-Unternehmen. Zu risikoreich sei das Geschäftsmodell der Startups. Zu groß das Risiko für die Anleger. Weil das Geld aus einem IPO auf dem Wachstumspfad des Unternehmens meist schnell wieder verschlungen sei, müssten diese Unternehmen immer wieder neue Aktien ausgeben, um zu überleben – aus Sicht Hofmans ein sinnloses Bestreben. Aus Sicht der klassischen Kapitalmarkttheorie sprechen die genannten Argumente aber gerade für eine Finanzierung über den öffentlichen Kapitalmarkt einer Börse – nicht dagegen.

Das hat zwei Gründe: Erstens, die Börse ermöglicht es Investoren ihr Kapital zu diversifizieren. Zwar kann das Risiko eines Geschäftsmodells dadurch nicht reduziert werden, wohl aber das Risiko der Investoren. Zweitens, an Börsen werden zukünftige Erwartungen gehandelt. Der Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens an der Börse drückt also das Potential der Geschäftsidee aus.   

Was bedeutet das mit Blick auf die Kosten einer Wachstumsfinanzierung? Aktuell sehen wir eine sehr hohe Kapitalkonzentration im Risikokapitalmarkt. Das heißt, Startups werden von wenigen Investoren durch hohe Einzelinvestitionen finanziert. Die Portfolios der VCs sind folglich klein und branchenspezifisch mit einem hohen Clusterrisiko. Das hohe Risiko hat eine hohe Renditeforderung der VCs zur Folge und sorgt für hohe Kapitalkosten der Gründer. Ein zugänglicher Markt für Wachstumskapital würde eine bessere Diversifikation der Investoren erlauben und die Renditeforderung reduzieren. Die Kapitalkosten der Wachstumsfinanzierung würden sinken und die Versorgung von Startups mit Wachstumskapital würde sich insgesamt verbessern.

Und was bedeutet eine Börsennotierung mit Blick auf die Erwartungen der Investoren? Der Wert eines Unternehmens bemisst sich an den zukünftigen Gewinnen – oder zumindest an der Erwartung der zukünftigen Gewinne. Während bei der Finanzierung von Startups eine kleine Gruppe privater Investoren diese Erwartung bildet, geschieht dies an der Börse durch eine große Anzahl von Anlegern. Erhält ein Unternehmen an der Börse kein Kapital, aber von VCs, divergieren die Erwartungen der Investorengruppen. Da an einem öffentlichen Kapitalmarkt neben Finanzinvestoren auch andere Stakeholder des Unternehmens als Investoren auftreten können, kann die Finanzierung über die Börse immer auch als Marktcheck des Geschäftsmodells verstanden werden. Findet keine erfolgreiche Finanzierung an der Börse statt, ist dies auch für ein VC ein Signal, seine Einschätzung des Geschäftsmodells zumindest zu überdenken.

Es gibt keine andere Plattform, um mehr Investoren von der eigenen Idee zu überzeugen, als die Börse und keinen besseren Indikator für Managemententscheidungen, als die darauffolgenden Kursreaktionen. Die Börse spiegelt Unternehmern das Potential ihrer Ideen und Entscheidungen in Echtzeit wider. Deshalb ist die Börse für junge Unternehmen vielleicht sogar noch wichtiger als für etablierte. Wir lernen ja auch nicht schwimmen, indem wir mit Schwimmflügeln im Planschbecken sitzen.

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