Zehn Jahre Stuttgart Financial

31. Mai 2017

Wie etabliert man einen Finanzplatz? Und weshalb ist diese Frage für Stuttgart so wichtig?

Wir sprachen mit Dr. Ulli Spankowski, dem Leiter von Stuttgart Financial, und seinem Vorgänger Dr. Dirk Sturz.

Warum verbinden viele Menschen Stuttgart nicht zwingend mit einem Finanzplatz?

Dr. Ulli Spankowksi: Die Region Stuttgart ist insbesondere als Industriestandort bekannt und von globaler Bedeutung. Traditionsreiche Großkonzerne und innovative, teils weltmarktführende Mittelständler sind hier zuhause. Als Finanzplatz steht Stuttgart zwar im Schatten dieses starken wirtschaftlichen Umfelds, kann aber gerade davon ungemein profitieren. Denn der Erfolg der hiesigen Realwirtschaft hat auch die Entwicklung zum Finanzplatz maßgeblich bewirkt: Parallel zur Industrialisierung in Baden-Württemberg entwickelten sich zahlreiche Finanzinstitute, die dem Fortschritt finanziellen Schub verliehen haben. Heute beheimatet Stuttgart zum Beispiel mit der LBBW die größte Landesbank Deutschlands, mit der Allianz Leben den größten Lebensversicherer und mit der Börse Stuttgart eine der zehn größten Börsen in Europa. Auch die Bausparkassen haben in Baden-Württemberg ihren Ursprung und Erfolg begründet.

Warum ist es so wichtig, dass Stuttgart als Finanzplatz wahrgenommen wird?

Dr. Ulli Spankowski: In wissensintensiven Branchen, wie die Finanzbranche, neigen Unternehmen dazu, sich in räumlicher Nähe zueinander anzusiedeln – neben den zahlreichen Finanzplätzen ist das beispielsweise auch am prominenten Startup-Standort Silicon Valley gut erkennbar. Die räumliche Konzentration erleichtert dabei nicht nur den fachlichen Austausch untereinander, sondern auch die Gewinnung neuer Mitarbeiter, für die ein attraktiver Arbeitsmarkt wichtig ist. Mit einer kritischen Masse an Unternehmen und Mitarbeitern in einer Branche können zudem auch Institutionen wie Hochschulen, Forschungseinrichtungen oder Wirtschaftsförderungen sich auf die Bedürfnisse der jeweiligen Branchen ausrichten. Die Wahrnehmung von Stuttgart als Finanzplatz ist demnach ein wichtiger Standortvorteil für die Wirtschaft.

Wie kam es vor diesem Hintergrund zur Gründung von Stuttgart Financial?

Dr. Dirk Sturz: Die erste Initiative geht auf das Wirtschaftsministerium in Baden-Württemberg zurück, wo man 2006 den Bedarf zur Förderung der Finanzwirtschaft in Stuttgart erkannte. Gemeinsam mit der Stiftung Kreditwirtschaft der Universität Hohenheim und der Vereinigung Baden-Württembergische Wertpapierbörse e.V. wurde Stuttgart Financial am 1.März 2007 durch die drei Initiatoren als übergreifende Plattform für Finanzthemen in Baden-Württemberg ins Leben gerufen. Die Vereinigung ist als Dach der Gruppe Börse Stuttgart nicht nur dem Börsenhandel in Stuttgart verpflichtet, sondern hat auch den Auftrag, gemeinsame Interessen der heimischen Finanzwirtschaft zu koordinieren.

Wie kamen Sie ins Spiel?

Dr. Dirk Sturz: Ich war damals gerade Doktorand an der Universität Hohenheim und begeistert von der Idee einer gemeinsamen Initiative für den Finanzplatz Stuttgart. Nachdem ich von Beginn an in die Vorüberlegungen und die Erstkonzeption eingebunden war, wurde mir die Leitung der noch zu gründenden Geschäftsstelle angeboten. Das konnte ich natürlich unmöglich ablehnen. Ich war sicher, dass Stuttgart Financial ein Erfolg werden würde

Was machte Sie so sicher?

Dr. Dirk Sturz: Für mich war schlichtweg der Bedarf gegeben, den Finanzplatz Stuttgart sichtbar und greifbar zu machen. Besonders beeindruckte mich von Beginn an der enorme Einsatz, die Entschlossenheit und Geschlossenheit der Initiatoren, vor allem um den Vereinigungsvorstand Thomas Munz und Prof. Hans-Peter Burghof. Und auch der damalige Wirtschaftsminister Ernst Pfister stand von Beginn an persönlich hinter der Initiative. So konnte die Idee von Stuttgart Financial erfolgreich in den Finanzplatz hineingetragen werden

Wie erging es Stuttgart Financial in der Gründungsphase?

Dr. Dirk Sturz: Zu Beginn wurden die Universitäten Hohenheim und Tübingen beauftragt, die Fakten zur Finanzindustrie in Stuttgart sowie die Wahrnehmung durch Angehörige der europäischen Finanzwirtschaft zu erheben. Hier konnte bestätigt werden, dass Stuttgart als Finanzplatz bis dahin im allgemeinen Bewusstsein nicht verankert war. Auch in der hiesigen Finanzcommunity stießen wir an vielen Stellen zunächst auf Unverständnis. Um den Finanzplatz überregional bekannt zu machen, mussten wir also zuerst nach innen wirken.

… um die Idee gegen alle Unkenrufe beharrlich durchzusetzen?

Dr. Dirk Sturz: Eine der ersten Aufgaben war es, über die Vertreter der reinen Finanzinstitute hinaus sämtliche Einheiten mit Finanzbezug – z. B: öffentliche Einrichtungen, Verbände und weitere Unternehmen – miteinander zu vernetzen. Und das nicht nur auf Vorstands-, sondern auch auf Mitarbeiterebene. Wir begannen, Fachveranstaltungen für diese zu organisieren. Hiermit haben wir einen Beitrag geleistet, den Vorteil des Finanzplatzes, sich persönlich austauschen zu können, zu heben. So hat Stuttgart Financial in den letzten 10 Jahren, oft auch mit Partnern, alljährlich bis zu 30 Fachveranstaltungen über aktuelle Themen der Finanzwelt mit hochkarätigen Rednern für unterschiedliche Zielgruppen organisiert. Weitere Aktivitäten in der Anfangsphase lagen im Bereich der Kommunikation und Pressearbeit für den Finanzplatz.

Welche Aufgaben haben sich außerdem herauskristallisiert?

Dr. Ulli Spankowski: Wichtigste Aufgabe ist es bis heute, eine Plattform bereitzustellen. Neben Netzwerk- und Weiterbildungsveranstaltungen reicht die Bandbreite der Aktivitäten deshalb von der Bereitstellung finanzplatzrelevanter Informationen über Standortmarketing und Projekten im Bereich Bildung, Karriere und Forschung bis hin zu Lobbyarbeit und der Unterstützung der Gründerszene.

Viele Aufgaben...

Dr. Dirk Sturz: ... die sich nur mit einem schlagkräftigen Team stemmen lassen. 2008 wurde als zweiter Mitarbeiter Dr. Ulli Spankowski ins Boot geholt. Von da an wuchs das Team nach und nach auf sechs Mitarbeiter.

Welche Meilensteine bedeuten Ihnen im Rückblick besonders viel?

Dr. Ulli Spankowski: Den ersten Meilenstein bildet der jährlich im Neuen Schloss stattfindende Finanzgipfel Stuttgart, dessen Organisation und Durchführung Stuttgart Financial seit 2008 übernommen hat und der gemeinsam mit dem Staatsministerium Baden-Württemberg ausgerichtet wird. Sehr wichtig sind auch unsere Netzwerke für Beteiligungskapital (VC-BW) sowie für Karrierethemen (Financial Career BW). Weiter möchte ich den berufsbegleitenden Studiengang „Master in Finance“ der Universität Hohenheim hervorheben, den wir gemeinsam mit dem Berufsbildungswerk der Versicherungswirtschaft ins Leben gerufen haben.

Anfang 2016 haben Sie den Leitungsstab von Herrn Sturz übernommen. Was wünschen Sie Stuttgart Financial für die Zukunft?

Dr. Ulli Spankowski: Für Stuttgart Financial wünsche ich mir, dass es gelingt, die den Finanzplatz herausfordernden Themen auch in Zukunft zu besetzen, wie man beispielsweise bei den neu veranstalteten FinTech Days im November 2016 erleben durfte. Speziell im Bereich FinTechs und Startups existiert eine Dynamik, in der wir weiterhin spannende Akzente setzen werden.

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